Newsnational Sonntag, 28.05.2023 |  Drucken


Gedenken am Tatort
Gedenken am Tatort

30. Jahrestag des Solinger Brandanschlags

Bei dem rechtsextremen und rassistischen Anschlag kamen fünf Angehörige der Familie Genc ums Leben. Die Stadt erinnert mit einer Gedenkfeier und weiteren Initiativen. U.a. werden der Bundespräsident, sowie auch der ZMD Vorsitzende Aiman Mazyek vor Ort sein

Solingen (KNA/Eigene) An Pfingstmontag jährt sich der Solinger Anschlag zum 30. Mal. Der Anschlag am 29. Mai 1993, bei dem Rechtsextremisten Brandsätze in das Haus von Mevlüde Genç in Solingen geworfen hatten und dadurch fünf Familienmitglieder töteten, gilt als eine der folgenschwersten rassistischen Angriffe in der Geschichte der Bundesrepublik. Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç und Saime Genç wurden infolge des Mordanschlags in den Tod gerissen.

In Solingen finden am Pfingstwochenende mehrere Gedenkveranstaltungen statt. Die zentrale Gedenkfeier der Stadt findet am 29. Mai im Theater und Konzerthaus statt. Neben dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier werden auch Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), ihr Kabinettskollege Cem Özdemir (Grüne) und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) erwartet. ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek wird ebenfalls an der Gedenkfeier teilnehmen.

Zum Gesicht der Familie wurde Mevlüde Genc, die bei dem Brandanschlag zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor. Der harte Schicksalsschlag hielt sie nicht davon ab, sich für Verständigung und gesellschaftlichen Zusammenhalt einzusetzen.

Als Mevlüde Genc im Oktober vergangenen Jahres im Alter von 79 Jahren starb, würdigte Steinmeier sie als "große Versöhnerin". In einem Kondolenzschreiben an die Familie heißt es: "Sie hat uns vor Augen geführt, dass Nächstenliebe und Menschlichkeit stärker sind als Hass und Gewalt." Für ihr Engagement erhielt Genc 1996 das Bundesverdienstkreuz. Mit einer nach ihr benannten Medaille zeichnet die nordrhein-westfälische Landesregierung seit 2018 Menschen aus, die sich wie Mevlüde Genc für gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen.


Gedenktafel für die Opfer

Gedenktafel für die Opfer
Mazyek: Anschlag markiert „Zeitenwende“

ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek erinnert sich als damals 23-Jähriger eindrücklich an den Solinger Brandanschlag, wie er in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) berichtet. Vor diesem Hintergrund spricht Mazyek von einer „Zeitenwende“ im negativen Sinne. Denn viele Menschen, so sagt er, stuften den Anschlag damals als Einzelfall im Kontext der aufgeheizten Asylpolitik ein. Er sah das jedoch anders und seine Befürchtungen sollten sich bestätigen. Tatsächlich nahm daraufhin der antimuslimische Rassismus mit Vorfällen wie dem NSU, dem Attentat in München, dem Mord an Marwa El-Sherbini, und den Anschlägen in Halle und Hanau, um nur einige zu nennen, zu. Hassverbrechen und antimuslimische Straftaten, die erst ab 2017 erfasst wurden, stiegen sprunghaft an und erreichten bis heute ein sehr hohes Niveau.

„Seitdem hat sich viel in unserer Gesellschaft zum Besseren verändert“, stellt Mazyek ebenfalls fest. So werde Rassismus und Hass gegen Minderheiten zumindest öffentlich kaum noch in Frage gestellt. Dennoch leide laut Mazyek die Gesellschaft unter einem grundlegenden Übel, das sich nach Solingen deutlich abzeichnete und bis heute in der öffentlichen Debatte immer wieder subtil bedient wird. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer latenten Unterschätzung dieser menschen- und demokratiefeindlichen Haltung und dem Vorwurf an die Betroffenen, dass sie das Thema Rassismus überstrapazieren und es als politischen Hebel nutzen. „Beide sind fatal falsche Annahmen. Abgesehen davon, dass diese Art der Kommentierung erneut menschenverachtend ist, birgt sie immer wieder die Gefahr, dass wir Opfer rassistischer Gewalt beklagen müssen. Wir müssen diese Gewaltspirale durchbrechen, indem wir weder tabuisieren noch beschönigen und auch den strukturellen Rassismus beim Namen nennen, im Namen der freiheitlichen und rechtsstaatlichen Demokratie.“, lautet der abschließende Appell Mazyeks.

"Einen Punkt oder Schlussstrich darf es niemals geben", betont auch Oberbürgermeister Kurzbach in seiner Erklärung. Er war 15 Jahre alt, als aus der "Klingenstadt" Solingen auch ein Symbol für offenen Rechtsextremismus wurde. Ihm ist es wichtig, dass auch aus einem anderen Grund die Erinnerung an den Brandanschlag wach bleibt. "Es gibt traumatisierte Menschen von den Tagen damals", sagt er. Verdrängen sei zwar eine normale psychische Reaktion. Trotzdem müssten die Leute damit leben lernen, dass man den Brandanschlag nicht einfach aus der Geschichte streichen könne: "Alle Demokratinnen und Demokraten sind dafür verantwortlich, gegen Fremdenhass einzutreten."




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